Ein Tüftler hat uns verlassen

Im Gedenken an Gottfried Klose

Jürgen Lossau, 06. April 2018
Cinevia: Fuji Velvia in der Super 8 Kassette

Er war der Mann hinter der Andruckplatte zur Super-8-Kassette. Der Mann, der den Greifer des Beaulieu-Projektors verbesserte. Und der Mann, der Kodak Paroli bieten wollte. Als der Kodachrome vom Markt verschwand, brachte Gottfried Klose 2005 den Cinevia mit Fuji Velvia Material heraus, um Super 8 auch weiterhin als Projektion zu ermöglichen. Beim Versuch, die schon immer leicht verkorkste Super-8-Kassette zu verbessern und eine eigene Konstruktion auf den Markt zu bringen, verhob sich Klose und musste mit vielen Kundenbeschwerden kämpfen. Erst Jahre später gelang es ihm, eine wirklich marktreife Konstruktion vorzustellen. Der Gründer der Firma GK-Film, dem die Schmalfilmszene rings um das Ende des legendären Kodachrome viel zu verdanken hat, ist am 1. Februar nach langer schwerer Krankheit im Alter von 75 Jahren gestorben.

Keine Frage, Gottfried Klose war zwischen 2004 und 2014 einer der wichtigsten Motoren der kleinen deutschen Schmalfilmszene. Und mit seinem mutigen Versuch, einen neuen Farbumkehrfilm in der Super-8-Kassette anzubieten, nachdem Kodak das Handtuch geworfen hatte und den Kodachrome vom Markt nahm, hat er Filmern weltweit Mut gemacht, bei ihrem Hobby zu bleiben.

Kloses Hausmessen (4 Bilder)

“In Bielefeld ist Gottfried Klose von GK-Film damit beschäftigt, Fuji-Velvia-Material in der Super-8-Kassette zu testen. Noch ist die Lage nicht hoffnungslos!” hieß es im Herbst 2005 im Editorial des Magazins schmalfilm. Schon im Oktober tauchte der umtriebige Tüftler bei der Filmbörse in Waghäusel auf. Als “Das Wunder von Waghäusel” bezeichnete die Zeitschrift damals das Ereignis. Dreimal wird an diesem Tag im stets überfüllten Kino neben der Börse ein Film vorgeführt, an dem sich die Besucher kaum satt sehen können. „Tolle Farben“, „herrliche Durchzeichnung“, „geringeres Korn als beim Kodachrome 40“ – das sind nur einige der Attribute, die damals aus den Saalreihen zu hören waren. Gottfried Klose hatte einen Testfilm gedreht, in dem anhand von Stadtszenen und Naturaufnahmen die Qualität des Fuji Velvia 50 D unter Beweis gestellt werden sollte. Dieses Tageslichtmaterial, ursprünglich als Diafilm im Einsatz, steckte jetzt in der Super-8-Kassette. Klose unternahm gemeinsam mit dem Niederländer Frank Bruinsma, der in Holland das Super 8 Reversal Lab betreibt, viele Anläufe, um das interessante Rohmaterial optimal zu entwickeln. „Wir mussten einen leichten Rotstich herausfiltern“, sagte Klose damals, „aber das ist uns nach einigen Versuchen auch gelungen.“ Bei der Beschaffung der Filme half Tak Kohyama von Retro 8 in Tokio.

Im Sommer 2006 berichtete das Magazin schmalfilm über Kloses Kampf für Super-8 und zeigte einen Mann im Unruhestand: “Eigentlich könnte er es sich gemütlich machen. Beine hoch! Rentner sein. Aber Gottfried Klose reizt ein Abenteuer der besonderen Art. Seit dem angekündigten Ende des Kodachrome 40 ist er unermüdlich im Einsatz, um seinen Traum vom Super-8-Film für jede Kamera wahr werden zu lassen”, hieß es damals.

„Die ersten 800 Kassetten waren im Nu verkauft“, freute sich Klose, der zwölf aufreibende Monate hinter sich hatte. Zunächst musste er Kontakte nach Japan knüpfen, um das Material zu beschaffen. Dabei entstanden hohe Kosten für die Fracht um den halben Erdball nach Deutschland. Schließlich reiste er quer durch Europa, um eine Firma zu finden, die das Stanzen des 35 mm breiten Films auf Super-8 erledigen konnte. Ein weiteres Unternehmen sorgte für das Splitten, also den Zuschnitt auf Super-8-Breite.

Gottfried Klose

Doch Klose wollte mehr. Er gab sich nicht damit zufrieden, das Fuji-Material in der herkömmlichen Super-8-Kassette von Kodak anzubieten. Er wollte die Laufeigenschaften der Plastikschachtel, in der zwei Filmwickel nebeneinander liegen und umständlich durch engen Raum geschleust werden, verbessern. Ende 2007 titelte das Magazin schmalfilm: “Kloses Kracher – neue Super-8-Kassette mit Präzisionsandruckplatte kommt”.

„Wir sind gerade bei den letzten Tests“, lachte Gottfried Klose damals. In seine Freude mischte sich leichtes Stöhnen, denn es war eine Heidenarbeit. Nun stand er kurz vor seinem lange verfolgten Ziel, der Premiere einer neuen Super-8-Kassette. Wer hätte das gedacht? Und die neue Kassette barg eine Riesenüberraschung: Sie enthielt eine Präzisionsandruckplatte aus Kunststoff.

„200 unserer neuen Super-8-Kassetten haben wir mittlerweile getestet“, verkündete Klose, Chef von GK-Film aus Bielefeld, damals und nicht ohne Stolz fügte er hinzu: „Keine einzige hat beim Transport geklemmt. Alle gängigen Kameratypen wurden ausprobiert.“ Ende November 2007 begab er sich drei Tage zu seinen Partnern, der Firma Filmotec in Wolfen. Hier sollten die abschließenden Härtetests vorgenommen werden: Einsatz der Kassette bei -20 und +50 Grad Celsius.

Was war nun das Geheimnis dieser neuen „Leichtlaufkassette“? Gottfried Klose erklärte es so: „Wir haben alle Berührungspunkte innerhalb der Kassette herausgenommen, die zum Stocken beim Filmtransport oder zu Kratzern auf dem Material führen könnten. Der Film wird an den Umlenkstellen nur auf den Kanten geführt. Lediglich bei der Andruckplatte liegt er richtig auf.“

Doch dann wendete sich das Blatt. Drei Jahre lang bot Klose seinen Cinevia in der neuen Kassette an – und es hagelte beständig Beschwerden. Auch das Magazin schmalfilm erhielt viele Leserbriefe von enttäuschten Schmalfilmern, deren teure Super-8-Filme in der neuen Leichtlauf-Kassette stecken geblieben waren. So hieß es im Vorwort des Magazins schmalfilm im Sommer 2010 schließlich: “Binnen der letzten drei Jahre haben wir die uns von Klose vorgelegten Kassetten insgesamt fünfmal getestet. Jedesmal blieb der Film stecken. Jedesmal erklärte Klose wenige Tage nach Übersendung der Testkassetten, es handele sich doch nicht um das endgültige Produkt. Der letzte Test liegt nun acht Wochen zurück. Jedesmal haben wir zu den Testergebnissen geschwiegen, um Klose eine weitere Chance zu geben.

Es soll nicht unerwähnt bleiben: Klose hatte viele Probleme, nicht er allein ist schuld am Desaster. Zuletzt wurden Filme offenbar falsch zugeschnitten und waren deshalb unbrauchbar. Aber die Geduld der Amateure ist inzwischen erschöpft. Und völlig ins Aus hat sich Klose katapultiert, seit er nun wieder Velvia-Filme in der Kodak-Kassette anbietet. Jener Kassette, die er jahrelang verdammt hat. Spätestens jetzt werden ihm die Getreuen, die auf seine Worte vertrauten, nicht mehr folgen können.

Mit Kassetten, deren Inhalt stecken bleibt oder einen unruhigen Bildstand liefert, werden Amateure enttäuscht und verprellt. Wem das ein-, zweimal passiert, der verliert die Lust am Filmen. 30 Euro für 3 Minuten! Das ist teuer. Das muss funktionieren. Mit seinen nie enden wollenden Experimenten, seinen Verkäufen von Beta-Testkassetten auf Börsen, schadet Klose der Sache Super 8. Einer Sache, die ihm sehr am Herzen liegt, wie er sagt.”

Klose hatte sich verkalkuliert und aufgerieben bei dem Kampf, seine Kassette zu optimieren. Das ging zulasten der Kundschaft, die das laufende Experiment in dem Glauben finanzierte, leichtgängiges Filmmaterial zu erstehen. Kloses Kapital und Manpower reichten nicht, um genügend Tests zeitnah durchzuführen. So wurden seine Kunden zu ungewollten Investoren einer kühnen Idee. Zudem hatte ihn Kodaks neues Umkehrfilmmaterial Ektachrome 100D viele Kunden gekostet. Klose wurde sichtlich mürrisch und war vom Kampf um seine Gesundheit und die seiner Frau gezeichnet.

2012 wagte er deshalb einen folgerichtigen Schritt. Bei einem Besuch der Firma Fotoimpex in Bad Sarow bei Berlin berichtete der schmalfilm von schwarzweißem Super-8-Filmmaterial, das Firmenchef Mirko Böddecker unter dem Traditionsnamen Adox präsentierte: “Zugeschnitten und perforiert wird der APX100, der künftig ADOX AP100 heißen soll, auf den Maschinen eines alten Bekannten: Gottfried Klose von GK-Film. Seine aufgearbeiteten Geräte stehen demnächst in Bad Saarow. Klose will darauf Farbmaterialien konfektionieren, Böddecker sein Schwarzweiß-Material. Eine ideale Arbeitsteilung.”

Zu dieser Zeit hatte es der unablässige Tüftler geschafft, sein Produkt zu optimieren. Die Beschwerden verschwanden und auch Mirko Böddecker steckte seine Schwarzweißfilme in die GK-Kassette. Viele Super-8-Filmer waren aber bereits auf der Strecke gebleiben: Wegen stetig steigender Filmpreise – für die Klose als Rohmaterialzukäufer nichts konnte -, aber eben auch wegen der Erfahrungen mit problematischen Filmkassetten.

Klose mit seiner Andruckplatte

Was bleibt? Klose hat Einzigartiges gewagt, viel Kapital verschlissen und den Schmalfilmern erst Hoffnung, dann Enttäuschung bereitet. Vermutlich war das Unterfangen einfach eine Nummer zu groß für die One-Man-Show aus Bielefeld. Es gehört aber auch zur Wahrheit, die gelassen ausgesprochen werden muss: Dieser Mann hat den Schmalfilm am Leben erhalten, als Kodak sich billig vom Acker machte und die Filmer, die den amerikanischen Riesen jahrzehntelang finanzierten, einfach im Stich ließ. Sein Wirken für die Szene bleibt unvergessen. Und seine Maschinen sowie seine Kassetten werden im Hause von Fotoimpex hoffentlich noch oft verwendet, um auch künftig Schmalfilme unters filmende Volk zu bringen.

 



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