Darf’s ein My mehr sein?

Eumigs Filmkamera mit K(n)öpfchen

Jürgen Lossau, 19. Februar 2020

Gus Seemann begibt sich gerade auf eine Reise in ein vor vierzig Jahren untergegangenes Land. Es ist der Staat der Eumiganer, einst Weltmeister im Tonfilmprojektorenbau und 1981 zum jähen Aus gezwungen. Bei seiner Recherche für ein Büchlein über die Filmkameras des österreichischen Herstellers stößt er unerwartet auf einen Prototypen namens Eumig µP 2000. Die klobige Kiste birgt eine Menge technischer Neuerungen und hat dafür quasi einen Computer an Bord. Das war neu – 1978.

Prototyp Eumig µP 2000, um 1979.  Foto: Jürgen Lossau

Zu diesem Zeitpunkt begannen die ersten Gehversuche zur Fertigung der µP 2000. Das Mikro-Zeichen wird ja immer gern mit lateinischen Buchstaben kombiniert. Zum Beispiel bei Maßeinheiten wie beim Mikrometer µm. Umgangssprachlich wird My als Synonym für „ein kleines bisschen“ verwendet. Diese Kamera ist mehr als nur ein kleines bisschen anders und die Zahl 2000 weist verheißungsvoll in die Zukunft.

Umzusetzen hatte die Pläne für eine völlig neue Kamera im Gewand der bekannten Eumig-PMA-Reihe Peter Vockenhuber, der mit seinem Team von Konstrukteuren bei Bolex in der Schweiz saß. Vockenhuber, Sohn des damaligen Eumig-Geschäftsführers Ingenieur Karl Vockenhuber, hatte sich in die Tochterfirma abgesetzt. Seit 1970 gehörte Bolex zu Eumig.

Im französischsprachigen Yverdon ist viel für Eumig erdacht worden: die Unterwasserkamera Nautica, der Weitwinkelvorsatz PMA und auch die Prototypen für selbst gefertigte Tonfilmkameras (nach der frühen Produktion bei Bell & Howell in Japan). 1979 versuchte sich die Studienabteilung sogar an einer Soundfilmkamera für das Polavision-Sofortbildverfahren von Polaroid.

Doch allein von den Entwürfen für Eumig konnten Forschung und Entwicklung in der Schweiz nicht leben. Für Agfa in München konstruierte die Studienabteilung deshalb einen Super-8-Filmabtaster, der beim Fernsehen eingesetzt wurde. Auch die Verbesserung eines 35-mm-Filmentwicklungssystems für Agfa ging an Bolex. Angesichts schlechter Umsätze im Schmalfilmsektor war man sich für nichts zu schade. Im Auftrag von Philips durfte es sogar ein Scherblattantrieb für Rasierapparate sein.

32 hublose Sensortasten für allerlei Filmeffekte. Foto: Jürgen Lossau

Zurück zur µP 2000. In der Rue des Uttins rauchten die Köpfe, um für Eumig eine Kamera mit 32 hublosen Sensortasten auf die Beine zu stellen. Innen drin im Wunderwerk steckte ein Mikroprozessor von Mustek, der eine Menge zu tun hatte. Er musste den Fokus auf Knopfdruck für bestimmte Schärfezonen motorisch einstellen: im Zimmer 2,4-6m, fürs Portrait 1,5-2,4m. Der Motor steckte in einem kleinen Kasten über dem Objektiv, was die Kamera wie ein Autofokus-Monster aussehen ließ. Eine automatische Scharfstellung hatte die µP 2000 jedoch nicht. Die Schärfe ließ sich lediglich motorisch ansteuern, indem man dabei durch den Sucher blickte. Diese Spielerei wurde Power Focus genannt.

Nicht einfach zu durchschauen: Die Kurzanleitung an der Filmkamera. Foto: Jürgen Lossau

Ein lichtstarkes Objektiv mit 8-fach Zoom 1:1,2/7-56mm gehörte ebenfalls zum Schmalfilmboliden. Und allerlei Spielereien: Auf- und Abblenden, drei Sekunden Überblendung, ein Intervallometer für Einzelbildtricks, 1, 9, 18, 24 Bilder pro Sekunde, Bestimmung der Szenenlänge, Blendenkorrektur, Selbstauslöser und verschiedene Geschwindigkeiten für den Zoom- und den Power-Focus-Motor.

Über ein separates Belichtungsmesserauge unter dem Objektiv konnten Langzeitbelichtungen gesteuert werden – so wie man es bereits von Bauer und Nizo kannte. Auch wenn die Kamera wie ein Tonfilmmodell aussieht, brachte sie nur stumme Szenen auf Film zustande. Ein Blick in die Kassettenkammer zeigt, dass sie zwar Stumm- und Tonfilmkassetten nutzen konnte, die Magnetpiste aber nur für die Nachvertonung nützlich war.

Kein Tonfilmantrieb, nur Plastik im Kassettenfach.  Foto: Jürgen Lossau

Ende 1980 sollte die µP 2000 marktreif sein. Doch es kam anders. Das Ding mit den vielen Tasten verschwand von der Bildfläche, so wie die Firma Eumig mit ihren mehr als 6.000 Mitarbeitern. Und Gus Seemann vom Eumig Museum in Wiener Neudorf hütet nun diesen besonderen Schatz einer Kamera, die niemals gebaut wurde.

Tasten für Motorzoom und Power Focus. Foto: Jürgen Lossau

 



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